Lenin in der Todeszelle

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DEUTSCH

Vogelsang, der Name klingt poetisch und tatsächlich ist die Landschaft in der Umgebung dieses kleinen Dorfes in Oberhavel mit nur 100 Einwohnern sehr idyllisch. Der ringsum befindliche Wald mit seinen unendlich hohen Bäumen hat etwas Märchenhaftes und verbirgt manch eine geheimnisvolle Überraschung. Wenn man vom Dorf aus einige Minuten in Richtung Norden wandert, trifft man auf die Ruinen eines einsamen und verfallenen Militärgebiets. Zu Zeiten der DDR war es einer der wichtigsten Stützpunkte der sowjetischen Streitkräfte an der Grenze zum Gebiet der NATO-Länder. Es lebten hier bis zu 15.000 Soldaten und Zivilisten, und wie sich später herausstellte, waren in Vogelsang während des Aufrüstungswettbewerbs im Kalten Krieg – gegen Ende der 50er Jahre – sogar Nuklearraketen stationiert, um im Ernstfall London und Paris anzugreifen. Die Sprengköpfe kamen nie zum Einsatz und nach fast 40-jähriger Benutzung wurde die Garnison im Jahre 1994 verlassen. Sie führte dann noch zwei Jahrzehnte lang eine Existenz als exotische, alternative und wegen vorhandener Munitionsreste strengst verbotene, folglich umso anlockendere, Touristenattraktion.

Nun wird der Komplex im Rahmen eines Renaturierungsprojekts abgerissen, um wieder den Bäumen, den Sträuchern und den Wildschweinen die absolute Herrschaft über die gesamte Bodenfläche zu überlassen. Die alten Projektile und Sprengkörper der Roten Armee, die noch immer den Boden verseuchen, verhindern zwar, dass die Arbeit schnell vorankommt, aber die Baumaschinen sind vor Ort und haben auch schon einige Teile der Anlage niedergewalzt. Im von den Demolierungsarbeiten noch unversehrten Bereich ist auch noch Lenin, in Form einer Relief-Skulptur, zu finden. Er steht mit seiner kühnen Pose zwischen dem alten Café und dem Offiziershaus und hat bestimmt schon die letzte Hoffnung verloren: Er sieht die Bagger in der Ferne und weiß, vor allem nachdem die Brandenburgischen Behörden den Antrag auf Denkmalschutz für die Reliefwände des Komplexes abgelehnt haben, dass sein Todesurteil unwiderruflich gefällt wurde.

Trotz seines herausfordernden Blicks könnte man sich vorstellen, dass der Vogelsanger Lenin auch eine gewisse Traurigkeit empfinden muss, und zwar nicht nur wegen desSporthalle Verschwindens an sich (woran er sich in den letzten Jahrzehnten auf deutschem Territorium ja schon langsam gewöhnt haben muss), sondern vor allem, weil seine Existenz hier in der Geisterstadt doch sehr unterhaltsam sein muss: Er steht direkt neben der alten Sporthalle (mit Wandmalereien anlässlich der Olympischen Spiele in Moskau 1980), der Sauna, dem Café, dem Fußballplatz, dem Theater und der Schule, wo ein Klassenzimmer sogar noch mit einem Zitat von ihm ausgeschmückt ist. Hier gibt es ständig etwas zu tun, aber bald wird alles dem Erdboden gleichgemacht. Ade.

UPDATE September 2017: Und nun ist es tatsächlich so weit, der Vogelsanger Lenin ist weg! Er wurde jedoch nicht von der Abrissbirne zerschmettert, sondern von privaten Kunsthistorikern gerettet und nach Wünsdorf gebracht, wo er vor dem Museum „Roter Stern“ aufgestellt wurde (Fotos der Demontage und des Transports sind hier zu sehen). Da sämtliche Anträge auf Denkmalschutz für einzelne Elemente des Militärkomplexes von den Behörden abgelehnt wurden, war dies die einzige Form dieses authentische Zeugnis der ostdeutschen Vergangenheit zu bewahren. Der Rest der Anlage, inklusive anderer Reliefs und Wandbilder, wird im Rahmen der geplanten Konversion abgerissen werden (Mehr aktuelle Fotos unten).

ENGLISH

Lenin in death row


1- SchuleVogelsang
, the name sounds very poetic and the landscape around this little village in the region of Oberhavel is quite idyllic. The forest with its tall trees could be part of a fairy tale and actually it conceals some hidden surprises. If you walk from Vogelsang heading north you will get to the ruins of a desolate and decaying military area. During the times of the Democratic Republic of Germany it belonged to the soviet army and there were up to 15.000 soldiers and civilians living in these buildings. During the climax of Cold War nuclear missiles were kept in Vogelsang, in order to be able to attack Paris and London, if the situation would get serious. After using this area for almost 40 years, the soviet army abandoned it in 1994. For two decades it served as exotic, alternative and – because of the rest of ammunition that was spread all around the area – totally forbidden – therefor more demanded tourist attraction.

RedIn the scope of a local project of renaturation, all of the buildings will be demolished, in order to return control of the area to trees, bushes and boars. The bullets and bombs of the Red Army, that are still over the place, are slowing down the whole process , but the construction machines are already on site and actually have already steamrolled big areas of the complex. In the undamaged part you can still find Lenin, in form of a sculpture in relief. He is still standing there with his keen pose, between the old café and the house of the officers, however by now he will definitely have abandoned hope. He sees the diggers working at the end of the little path in front of him and knows, specially since the local agency for monument conservation declined the request of protection for the murals of this old military base, that his death sentenced is irrevocable.

Das FensterDespite his challenging look, one could imagine, that the Lenin in Vogelsang must be feeling also a little bit sad. Not only due to his unavoidable disappearance (in the last decades he probably got used to it in German territory), but especially because his existence in this little ghost town is probably quite entertaining. He is in a strategic position next to the old sport pavilion (with wall paintings of the Olympic Games in Moscow 1980), the sauna, the café, the soccer field, the theater and the school, in which there is still a classroom embellished with a quote of him. There is always something to do around here, but soon it all will be completely grounded. Farewell.

UPDATE September 2017: And now it really happened, Vogelsang’s Lenin is gone! But finally he wasn’t smashed by a wrecking ball, but saved by a private group of historians and brought to Wünsdorf. Here, it was placed in front of a museum dedicated to the presence of the Red Army in Germany („Museum Roter Stern“). Photos of the removal and transportation can be seen here. All the requests to preserve some of the elements of this former military basis due to its historical importance were rejected by the authorities, so that this was probably the only way to rescue the Lenin-relief before the bulldozers reach this part of the complex. (See actual photos below)

Wolken ziehen vorbei

Relevo sobre vermelho

81

Eiskugel

101

91

21

141

Parken Sie ruhig

Weg

Fotos September 2017:

 

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