Akte X (1): Die verschollene Statue

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Eine als Denkmal geschützte Statue, die gleich zweimal spurlos verschwindet. Eine steinerne Büste, die plötzlich am Eingang des Volksparks auftaucht. Lenins Existenz in Potsdam ist von geheimnisvollen Ereignissen geprägt, bei denen selbst Journalisten, Politiker und Beamte den Überblick verlieren.

Vor dem Haus der sowjetischen Offiziere wurde 1974 eine nach Vorlagen von Nikolai Tomski angefertigte Bronzefigur aufgestellt, die den sowjetischen Revolutionsführer in stolzer Haltung, mit einer Papierrolle in der rechten Hand darstellt. Als 2004 der Abriss der gesamten Anlage erfolgte, verschwand das Standbild unter merkwürdigen Umständen. Obwohl es seit 1977 unter Denkmalschutz stand, wurde es ohne die notwendige Genehmigung (die später rückwirkend beantragt wurde) von dem damaligen Besitzer des Grundstücks, Herrn Dirk Onnen, abmontiert. Der angegebene Grund für die Entfernung und Sicherung des Denkmals war die Befürchtung, es könne während der Bauarbeiten beschädigt werden. Danach sollte es wieder aufgestellt werden.

085Die Statue blieb jedoch mehrere Jahre verschwunden. Obwohl sie weiterhin auf der Denkmalliste stand, kannte niemand im Landesamt für Denkmalpflege ihren Standort. Trotz der ständigen Nachfragen seitens der Denkmalschutzbehörde gab Herr Onnen erst 2013 (!) eine Stellungnahme ab, in der es hieß, die Plastik sei bei ihm eingemottet und warte auf eine bevorstehende Sanierung. Er erklärte weiter, dass er die Statue als sein Eigentum ansehe und zwar verpflichtet sei, diese zu erhalten, aber nicht wieder aufzustellen. Diese juristisch hochumstrittene Behauptung sorgte für große Aufregung bei den zuständigen Behörden sowie bei einigen politischen Parteien und kunsthistorischen Vereinen. Infolge des steigenden Drucks, die Statue wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, gab Herr Onnen schließlich nach und teilte 2017 mit, das Standbild sei zwar noch auf einem seiner Grundstücke bei Oldenburg gelagert, solle aber 2019 anlässlich einer Ausstellung zum 25. Jahrestag des Abzugs der sowjetischen Streitkräfte ins Potsdamer Stadtmuseum zurückkehren.

Als man dachte, vor einem Happy End zu stehen, kam es dann zum großen Eklat: Im April 2018, wenige Monate nachdem die CDU zum erneuten Mal vergeblich versucht hatte, die Statue aus der Denkmalliste zu streichen und ihre Wiederaufstellung zu verhindern, verkündete Herr Onnen, unbekannte Täter hätten die über 500 Kilogramm schwere Statue aus seinem Grundstück gestohlen. Mithilfe schwerer Geräte sollen sie unbemerkt die enorme Bronzeplastik abtransportiert haben. Trotz polizeilicher Ermittlungen konnten weder Täter noch Beute aufgespürt werden.

Während Kunsthistoriker und linke Politiker den schlampigen Umgang von Herrn Onnen mit diesem Denkmal sowie das Desinteresse der Stadt scharf kritisieren und den Verlust eines wichtigen Monuments bedauern, scheinen andere einen besonderen Spaß an dem Vorfall zu haben: Wie in der „Potsdamer Neueste Nachrichten“ zu lesen war, ließ sich Steeven Bretz, Kreisvorsitzender der CDU Potsdam, in dieser verwickelten Angelegenheit zum Kommentar hinreißen, angesichts der Abneigung Lenins gegen Privateigentum sei es nicht ohne Ironie,dass die Statue nun auf sonderbare Weise den Besitzer gewechselt hat. Vielleicht ist seine Freude auch nachvollziehbar: Höchstwahrscheinlich wird der CDU nun infolge dieses Diebstahls die Entfernung der Leninstatue aus der Denkmalliste endlich gelingen. In den letzten Jahren waren sie mit ihrem entsprechenden Vorhaben wiederholt im Stadtparlament und bei dem Landesamt für Denkmalpflege gescheitert.

ENGLISH

X-files (1): The disappeared Statue

statue, which is under monument protection, but disappears twice without a trace. An old and forgotten bust, which suddenly is standing at the entrance of the Volkspark. Lenin’s existence in Potsdam is a succession of mysterious incidents and even journalists, politicians and public authorities lose track of it.

072For more than 10 years after the German reunification you could still find the statue of Lenin, which had been set there in 1974, in front of the former Soviet Officer’s House – until it mysteriously disappeared in 2004 shortly before the whole complex was demolished. Even though the bronze-figure was part of the list of protected monuments since 1977, the authorities for historic monument protection had no clue about the location of the statue for many years. At the end it turned out, that the responsable for the action had been the former owner of the property, who had removed the statue without the necessary permission (which he required afterwards).

After several requests of the town hall, he finally submitted a statement in 2013 (!), saying that he actually had stored the statue and planned to restaure it. However, he also claimed, that the statue was his property, he didn’t have the obligation of giving it back to the city. This statement caused a wave of indignation among some politicians, historians and local authorities, who demanded the return of the monument. Finally, four years later, the owner announced that the statue would return to Potsdam in 2019 for an exhibition on the occasion of the 25th anniversary of the Soviet departure and it seemed that this bizarre story had come to a happy end.

But in April of 2018, only a few months after Merkel’s CDU tried in vain to remove the Lenin statue from the list of protected monuments, in order to avoid its comeback to the „Stadtmuseum Potsdam“, the owner informed that unknown criminals had stolen the statue (weighing over 500 kilograms) from his property. With the help of heavy equipment, they are said to have removed the enormous bronze sculpture without being noticed. Despite police investigations, neither perpetrators nor the monument could be traced.

While art historians and left-wing politicians strongly criticize the sloppy handling of this monument and regret the loss of an important monument, others benefit from the incident: Most likely the CDU will finally succeed in removing the Lenin statue from the monument list as a result of this theft. In recent years, their plans had repeatedly failed in the city parliament and at the Office for the Preservation of Monuments.

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Aktuelles Foto des ehemaligen Standorts der Statue:

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Die Fotos der Leninstatue sind von K. Schoetzau (2001); Die Fotos des Sockels und der Abrissarbeiten sind von BLAM*, Ralph Paschke.

*BLAM: Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum

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