Lenin blättert ab

Am verrosteten Tor sind noch zwei rote Sterne zu erkennen. Es steht sperrangelweit offen und führt zu nichts, denn die Garagen und Lager dahinter wurden inzwischen abgerissen. Die Demontage und die Grundsanierung in Krampnitz gehen rasch voran und somit werden wohl in den nächsten Monaten und Jahren sämtliche Spuren der Sowjetarmee gelöscht. Auch die roten Sterne und ein ohnehin schon stark verwittertes Leninwandbild.

2_Lenin57Der Militärkomplex in Krampnitz bei Potsdam entstand zwischen 1937 und 1939 als neuer Sitz der Kavallerie- und Panzertruppenschule. 1945 übernahmen die Sowjets das über 100 Hektar große Gelände. Nach ihrem Abzug 1992 stand die Anlage lange leer, wobei sie gelegentlich als Filmkulisse diente, so etwa für „Mein Führer“ (Dani Levy, 2007) oder „Inglourious Basterds“ (Quentin Tarantino, 2009). Im Jahr 2011 präsentierte eine Baugesellschaft einen Masterplan für den Bau von circa 1800 Wohnungen auf dem verlassenen Areal. Der Plan erhielt grünes Licht, sodass zurzeit sämtliche von den sowjetischen Streitkräften errichteten Objekte abgerissen werden, während die vom Berliner Architekten Robert Kisch für die Wehrmacht entworfenen Gebäude unter Denkmalschutz stehen und erhalten bleiben. Nach einer Entkernung und einer Grundsanierung sollen dort die neuen Wohneinheiten entstehen.

In der Anlage kann man noch letzte Spuren der Nazis und vor allem der Sowjetarmee vorfinden. Sowohl an den Mauern als auch im Inneren einiger Gebäude sind etliche Wandbilder und Reliefs erhalten, wenn auch nicht immer in einem guten Zustand. In einem ehemaligen Kultursaal ist ein heruntergekommenes Bild Lenin gewidmet, dessen Porträt stark abblättert. Rechts von ihm steht auf Russisch eins seiner bekannten Zitate: „Kommunist kann einer nur dann werden, wenn er seine Kenntnisse mit allen jenen Wissensschätzen bereichert, die die Menschheit erarbeitet hat.“ (Lenin, Ausgewählte Werke, Bd. II, S. 784f.). Der Satz stammt aus Lenins Rede „Die Aufgaben der Jugendverbände“, die er am 2. Oktober 1920 auf dem III. Kongress des Kommunistischen Jugendverbandes hielt. Hier unterstrich er die Wichtigkeit einer kritischen Auseinandersetzung und Weiterentwicklung des Wissens der alten, traditionellen Schule, um ein neues kommunistisches Bildungssystem aufzubauen.

Auf der linken Seite des Wandbilds sind die von Lenin aufgeführten Prioritäten für die „wirtschaftliche Wiedergeburt des Landes“ anhand einer Konstellation mit verschiedenen Elementen zu sehen. Das Militär als Schutz der Revolution, die Lehren des Marxismus sowie die Modernisierung der Wissenschaft, der Technik und der Industrie werden sowohl in der Rede als auch im Wandbild hervorgehoben.

Leider läuft der Countdown für die Zerstörung dieses tollen Zeitdokuments bereits und es gibt keine Rettungsmöglichkeit in Sicht. Das Wandbild wird wohl zeitnah verschwinden, aber Lenins Traum einer universellen proletarischen Bildung, die freie und gleichberechtigte Menschen erzieht, bleibt erhalten.

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