Lenin und die Opfer des Faschismus

Eine Stadt, die während meiner Recherche über deutsche Lenindenkmäler immer wieder auftauchte, ist Sassnitz. Im April 1917 hatte Lenin eine Nacht in dieser ostdeutschen Hafenstadt verbracht, um am nächsten Morgen die Fähre nach Schweden zu nehmen und die Reise nach Russland fortzusetzen. Anlässlich dieser historischen Durchfahrt entstanden hier in den 1960er und 1970er Jahren Lenin zu Ehren ein Gedenkstein, eine Büste und ein kleines Museum.

Kurz nachdem ich den Beitrag über Sassnitz in meiner Webseite veröffentlicht hatte, erhielt ich eine E-Mail von einem Leser, der mich auf eine weitere Lenin-Figur in Sassnitz hinwies: Am Denkmal für die Opfer des Faschismus sollte es eine Darstellung des sowjetischen Anführers geben, die während meiner Forschungsarbeit in Archiven, Bibliotheken und im Internet unentdeckt geblieben war. Selbst die örtlichen Behörden waren von meiner Anfrage irritiert und erklärten mir, sie hätten keine Information über ein vermeintliches Leninrelief an diesem Denkmal.

Als ich neulich wieder nach Sassnitz reiste, besuchte ich die 1973 errichtete Stele. Die über sechs Meter hohe Skulptur des Bildhauers Reinhard Schmidt besteht aus sechs Reliefs, je drei auf der Vorder- und auf der Rückseite. Und tatsächlich stellt eins der Reliefs auf der Rückseite unverkennbar Lenin dar. Er sitzt an einem Tisch und schaut auf ein Dokument, vielleicht eine Karte, während er mit drei im Hintergrund stehenden bolschewistischen Kämpfern spricht.

Schließlich konnte ich im Stadtarchiv mehr Informationen zur Entstehungsgeschichte des Denkmals finden und klären, warum Lenin auf dem Denkmal für die Opfer des Faschismus abgebildet ist. Wie zeitgenössische Zeitungsartikel berichten, wollte Schmidt in seinem Werk den historischen Kontext des Widerstands der Arbeiterklasse gegen den Totalitarismus bearbeiten und thematisierte deshalb neben dem Widerstand gegen Faschismus und Krieg auch den harten Kampf der Arbeiter gegen Not und Ausbeutung vor dem des Nationalsozialismus. Im Hinblick auf die gemeinsame Organisation von Bauern und Arbeitern schien es dem Bildhauer wichtig, die Oktoberrevolution als wichtigen und erfolgreichen Meilenstein darzustellen. So widmete er eins der sechs Reliefs Lenin, der in einer Sitzung zur Planung der Revolution gezeigt wird. Die anderen Szenen erzählen von der Knechtschaft der Leibeigenen vor der Russischen Revolution, von der Unterdrückung der Bevölkerung während des Faschismus und von der Befreiung der Häftlinge aus den Konzentrationslagern durch Rotarmisten.

ENGLISH

Lenin and the victims of fascism

During my investigation about German Lenin-monuments, the name of Sassnitz often appeared in different documents and lists. In April of 1917 Lenin had spent a night in this East-German harbour-city, before taking a boat to Sweden in order to continue his trip to Russia. On the occasion of this historical episode, a memorial stone, a bust and a small museum in honour of Lenin were erected in Sassnitz during the 60s and 70s.

Shortly after I had written my first text about Sassnitz for the website, I received an e-mail from a reader, pointing out that there was still another figure of Lenin in the monument for the victims of fascism. I didn’t find anything about it on the Internet and received a negative answer, when I first asked the local authorities about this supposed Lenin-relief.

When I recently came back to Sassnitz, I finally was able to clear things up. I visited the over six meters high stele of the sculptor Reinhard Schmidt, which consists in six relief-scenes, three in the front and three in the back of the stele. One of the scenes in the backside unmistakably shows Lenin, sitting at a table and looking at a document, maybe a map, while talking to three Bolschevik fighters in the background.

In the city archive, I was able to find more information about the creation of this monument, which was inaugurated in 1973. Contemporary newspapers report about the idea of Schmidt, who pretended to show the historical context that lead to the opposition against fascism from the side of the German worker’s movement. Therefor he thought it would be important to show the hard struggle of the working class against poverty and exploitation, which would develop into the active opposition against the national-socialist dictatorship and war. Regarding the common organisation of workers and peasants, the sculptor thought it would be important to include a reference to the Russian Revolution. And that’s why he ended up dedicating one of the images to Lenin, shown in a meeting to prepare the revolution. The other scenes portray the situation of servitude of the workers before the Red Revolution, the oppression of the population during fascism and the liberation of the prisoners of the concentration camps by the members of the Red Army.

Besten Dank an: Tilo, Herrn Dieter Holtz (Bürgermeister a. D.) und Stadtarchiv Sassnitz

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