Im Schatten der Perestroika

Der Saal ist finster und muss mit einer Taschenlampe beleuchtet werden. An der hinteren Wand erscheint nun Lenin im entschlossenen Vorwärtsmarsch. Hinter ihm sind symbolträchtige Gebäude und Infrastruktur der Sowjetunion sowie eine wehende rote Fahne mit einer römischen XXVII zu sehen. Offenbar entstand das Wandbild anlässlich des 27. Parteitags der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPSU), der vom 25. Februar bis zum 6. März 1986 in Moskau stattfand. Dort führte der Generalsekretär des Zentralkomitees, Michail Gorbatschow, die politischen Reformen der Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umstrukturierung) ein, mit welchen er die Sowjetunion modernisieren wollte. Dieser Prozess scheiterte und nur fünf Jahre nach der Bekanntgabe der Pläne zerfiel die UdSSR.

Das von Angehörigen der Sowjetarmee angefertigte Werk befindet sich im Kinosaal der ehemaligen Militäranlage in Kummersdorf. Der Komplex entstand um 1875 und wurde später auch von der Wehrmacht genutzt. Nach dem II. Weltkrieg und bis Anfang der 1990er Jahre waren hier die sowjetischen Streitkräfte stationiert. Aus dieser Zeit sind noch etliche Überbleibsel erhalten, von denen einige in der Ausstellung des Fördervereins „Museum-Kummersdorf“ zu sehen sind. Andere blieben in der heute verlassenen und verwahrlosten, aber immerhin unter Denkmalschutz stehenden Anlage zurück. Darunter auch dieses Wandbild, das die gesamte Hinterwand des Saals im ehemaligen Kulturzentrum deckt und einen angesichts der langjährigen Witterung gar nicht so schlechten Erhaltungszustand aufweist.

K3Im Zentrum ist ein häufig von der KPSU genutztes kommunistisches Symbol abgebildet: die von einem Ährenkranz umgebene Erde mit Hammer und Sichel in der Mitte, darüber ein roter Stern. Links vom Wappen wird die Rote Armee geehrt. Das Datum 1918 erinnert an ihre Gründung und die auf einem zerbrochenen Hakenkreuz stehende Figur des „Befreiers“ feiert den Sieg über das faschistische Deutschland. Auf der rechten Seite des Wandbilds haben wir die Konstellation mit Lenin als zentraler Figur. Im Hintergrund sind verschiedene Bauten zu sehen, die die sowjetischen Errungenschaften versinnbildlichen. Neben dem Hauptsitz der KPSU und dem Roten Platz in Moskau erscheinen Brücken, Staudämme, Strommasten, Fabriken und Wohnblöcke. Vor diesen Bildern weht die rote Fahne des 27. Parteitags und ganz im Vordergrund marschiert Lenin, ganz in Schwarz-Weiß, wobei nur die rote Schleife am Jackett farblich heraussticht. Mit seinem ausgestreckten rechten Arm scheint er den Weg zu weisen. Ein Bild voller Zuversicht, das die bevorstehenden Auflösung der UdSSR noch nicht erahnen lässt.

Wie die meisten Wandbilder der Sowjetarmee in Deutschland befindet sich auch dieses in den Ruinen einer Geisterstadt. Das gesamte Gelände steht unter Denkmalschutz, aber aufgrund der über 4000 inventarisierten Baustrukturen ist der Schutz der Überbleibsel eine komplizierte Angelegenheit. Der Verein „Museum-Kummersdorf“ engagiert sich in diesem Bereich und bietet auch regelmäßig Führungen durch verschiedene Teile der Anlage an.

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